Hunde sind Meister darin, Schmerzen zu verbergen. Während ein humpelndes Bein sofortige Aufmerksamkeit des Halters nach sich zieht, spielen sich Leiden im Maulbereich oft im Verborgenen ab. Die Gingivitis, also die Entzündung des Zahnfleisches, gehört zu den häufigsten Erkrankungen. Sie gilt als Vorbote der Parodontitis, die im schlimmsten Fall zum Verlust der Zähne und zur Schädigung innerer Organe führen kann. Ein rechtzeitiges Erkennen und Handeln ist daher für die langfristige Gesundheit des Vierbeiners von großer Bedeutung.
Ein unterschätztes Leiden: Einordnung durch Tierarzt Dietmar Bücheler
Viele Hundebesitzer betrachten Maulgeruch oder leichte Beläge auf den Zähnen als kosmetisches Problem oder altersbedingte Normalität. Das ist ein Trugschluss mit oft schmerzhaften Folgen für das Tier. Tiergesundheitsexperte Dietmar Bücheler vom Tiergesundheitszentrum Overath warnt davor, die Maulhygiene zu vernachlässigen. In der modernen Tiermedizin ist bekannt, dass Bakterien aus dem Mundraum in die Blutbahn gelangen und dort Herzklappen, Nieren und Leber schädigen können.
Die Entzündung entsteht meist durch weiche Zahnbeläge, die sich mit der Zeit verfestigen. Werden diese Plaque-Schichten nicht entfernt, mineralisieren sie durch den Speichel zu Zahnstein. Dieser bietet mit seiner rauen Oberfläche einen idealen Nährboden für weitere Bakterienkulturen, die das Zahnfleisch angreifen und entzündliche Prozesse in Gang setzen.
Vom Belag zur Entzündung: Die bakteriellen Auslöser
Die Ursache liegt fast immer in einer mangelnden mechanischen Reinigung der Zähne. In der freien Wildbahn reinigten Wölfe ihr Gebiss durch das Zerreißen von zäher Beute und das Nagen an Knochen. Der heutige Haushund erhält oft weiches Futter, das kaum Abrieb erzeugt. Bleiben Futterreste in den Zahnzwischenräumen hängen, vermehren sich Bakterien explosionsartig.
Bestimmte Rassen neigen anatomisch bedingt eher zu Problemen. Bei kurznasigen Hunden stehen die Zähne oft so eng oder verdreht, dass die Selbstreinigung des Gebisses kaum funktioniert. Auch kleine Rassen sind überproportional oft betroffen. Doch unabhängig von der Rasse gilt: Ohne regelmäßige Kontrolle und Pflege hat Plaque leichtes Spiel.
Warnsignale richtig deuten
Da der Hund nicht verbal kommunizieren kann, ob er Zahnschmerzen hat, muss der Halter auf subtile Veränderungen achten. Das offensichtlichste Symptom ist ein unangenehmer Geruch aus dem Maul. „Mundgeruch beim Hund ist keine Lappalie, sondern fast immer ein Hinweis auf bakterielle Prozesse“, erklärt Dietmar Bücheler.
Ein Blick ins Maul bringt meist Gewissheit. Gesundes Zahnfleisch ist blassrosa und liegt fest am Zahn an. Eine Gingivitis zeigt sich durch eine intensive Rötung, oft in Form eines saumartigen Streifens direkt am Übergang zum Zahn. Berührungen können schnell zu Blutungen führen.
In fortgeschrittenen Stadien ändert sich oft das Fressverhalten. Der Hund nimmt Futter zögerlich auf, lässt harte Brocken fallen oder kaut auffällig einseitig. Auch vermehrter Speichelfluss oder das Reiben der Schnauze mit den Pfoten können Indizien für Schmerzen sein. Wer solche Anzeichen ignoriert, riskiert, dass sich die Entzündung auf den Zahnhalteapparat ausweitet.
Professionelle Sanierung und häusliche Prophylaxe
Wird eine Gingivitis diagnostiziert, reicht eine Futterumstellung allein selten aus. Die Basis der Behandlung bildet eine professionelle Zahnreinigung beim Tierarzt. Unter Narkose wird der Zahnstein mittels Ultraschall entfernt – auch unter dem Zahnfleischrand, wo er besonders großen Schaden anrichtet. Anschließend erfolgt eine Politur der Zähne, um die Neubildung von Belägen zu verzögern.
Nach der tierärztlichen Sanierung liegt die Verantwortung wieder beim Halter. Die effektivste Methode zur Vorbeugung einer erneuten Entzündung ist das tägliche Zähneputzen. Spezielle Zahnbürsten und Pasten für Hunde machen dies möglich, erfordern jedoch Geduld und Training. Ergänzend können spezielle Kauartikel helfen, den mechanischen Abrieb zu fördern, sie ersetzen das Putzen jedoch nicht vollständig.
Regelmäßige Kontrollen des Gebisses sollten zur Routine gehören. Wer frühzeitig auf rote Stellen oder Beläge reagiert, erspart seinem Tier chronische Schmerzen und bewahrt es vor schwerwiegenden Folgeerkrankungen.
